| Heisinger Predigten | |
|---|---|
![]() |
Predigt am Weltgebetstag 2008 Pfarrerin Grüneklee-Herrmann gehalten am 7. März 2008 |
Die Frauen aus Guyana haben uns zwei biblische Texte für den Weltgebetstagsgottesdienst vorgeschlagen. Auszüge aus dem Buch Hiob aus dem Alten Testament und die Geschichte von Maria und Martha aus dem Neuen Testament aus dem Lukasevangelium. Das ganze Motto des Gottesdienstes heißt: Gottes Weisheit schenkt neues Verstehen. Ich weiß nicht, ob Sie heute noch oft das Wort „Weisheit“ benutzen? Was stellen Sie sich darunter vor? Wüssten Sie jemanden, von dem Sie sagen würden: Der ist ein weiser Mann oder die ist eine weise Frau? Zuallererst ist Gott natürlich weise. So beschreibt es auch immer wieder die Bibel. Das fängt schon damit an, dass er in Weisheit die Welt erschaffen hat. Und da ist jetzt nicht wichtig, wie die Erde tatsächlich entstanden ist. Ob es einen Urknall gab, oder was auch immer. Selbst der Urknall muss ja durch irgendetwas ausgelöst worden sein. Wir Christen und Christinnen dürfen glauben, dass unsere Erde so von Gott gewollt wurde. Und die ist ja tatsächlich ein Wunder. Denken wir z. B. an den Kaieteur-Wasserfall. Oder viele von Ihnen haben ja auch in Vorbereitung auf diesen Tag die riesige Seerose auf dem Dia gesehen, die Nationalpflanze Guayanas. So vieles auf unserer Erde ist einfach wunderbar. Und jedes Lebewesen an sich, egal ob Pflanze, Tier oder Mensch ist ein Wunder. So betet auch der Psalmbeter in Psalm 104: Herr, was für Wunder hast du vollbracht! Alles hast du weise geordnet; die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. Gott hat aber ja nun nicht nur diese Welt in Weisheit geschaffen, er ist ja auch noch weiterhin für sie ansprechbar, er bleibt sozusagen in Kontakt mit seinen Geschöpfen. Er will ihr Partner sein. Die Bibel ist nichts anderes als eine Bibliothek von Büchern, die von dieser Partnerschaft Gottes mit seiner Welt handeln. Im Alten Testament unterscheidet man die Geschichtsbücher, zu denen als wichtigste die 5 Bücher Mose, die Thora, gehören. Es gibt die Prophetenbücher und daneben die Psalmen und die Lehrbücher, die zur Gattung Weisheitsliteratur gehören. Eines davon ist unser Buch Hiob. Das Hiobbuch wirft eine Frage an die Weisheit auf. Wie kann es sein, dass einem guten Menschen Böses widerfährt? Das entspricht nicht den Regeln der Weisheit. Wenn ein Mensch böse handelt, bekommt er von Gott seine gerechte Strafe. Hiob erfährt viel Leid, folglich muss auch er Sünden auf sich geladen haben. Das vermuten zumindest seine Freunde. Aber es verhält sich anders. Hiob sollte geprüft werden. Die Vorgeschichte zum Hiobbuch erzählt von einem Handel Gottes mit dem Teufel. Der Teufel fragt: „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?“ Was wäre, wenn Hiob alles verlöre, was ihm lieb und teuer ist, würde er dann immer noch so fromm und gottesfürchtig bleiben? Gott lässt sich darauf ein, Hiobs Glauben auf die Probe zu stellen. Das ist Weisheitsliteratur, die über diese Fragen nachdenkt. Wir sollten uns nicht ablenken lassen, indem wir etwa fragen, wie es sein kann, dass Gott bei so einem, wie wir heute sagen würden „Deal“ mitmacht. Wichtig ist, wie Hiob auf sein Leiden reagiert und wie seine Freunde reagieren. Die Freunde suchen nach Schuld bei Hiob, anders können sie nicht denken. Hiob beteuert seine Unschuld. Er bleibt standhaft. In einer langen Rede zählt er vor Gott auf, welch beispielhaftes Leben er geführt hat, dass er jedem geholfen und jeden geachtet hat. Fremde hat er in sein Haus eingeladen, selbst seinen Feinden hat er nie Böses gewünscht. Seinen Rat hat jede und jeder gerne befolgt. Gott antwortet Hiob und erzählt ihm seinerseits von seiner Größe, von seiner Weisheit, von seiner Stärke, mit der er die Welt erschaffen hat. In einer zweiten Rede beschreibt er die Kräfte eines Riesenungeheuers, das ebenso sein Geschöpf ist, wie Hiob selbst. Daraufhin beteuert Hiob Gottes Stärke und Weisheit. Hiob sagt: „Ich bekenne, dass du alles vermagst, und nichts, was du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.“ Damit nimmt das Buch eine überraschende Wende. Weil Hiob nun trotz allem keinen Zweifel an Gottes Weisheit hat, wird er am Ende für seine Standhaftigkeit belohnt. Gott segnet ihn erneut und schenkt ihm alles zurück, was er verloren hatte. Hiob hat also seine Prüfung bestanden. Hiob hat befolgt, was wir zu Beginn gesungen haben: „Die Ehrfurcht vor Gott ist der Anfang der Weisheit.“ Ist also auch Hiob weise zu nennen? Die Frauen aus Guyana wollen uns ja nicht nur an Gottes Weisheit erinnern. Sie wollen uns auch einladen, darüber nachzudenken, wie wir selbst zu weisem Handeln gelangen können. Dazu kann uns die Geschichte von Maria und Martha helfen. Die beiden Schwestern kommen Besuch von Jesus. Beide reagieren unterschiedlich. Maria lässt gleich alles stehen und liegen und setzt sich zu ihm, um ihm zuhören zu können. Maria weiß, die Zeit mit Jesus ist so kostbar, die muss sie jetzt nutzen. Jetzt ist er da. Heute kann sie ihm alle Fragen stellen, die ihr auf dem Herzen liegen. Ihre Schwester Martha ist anders. Sie möchte, dass Jesus sich wohl fühlt in ihrem Haus. Sie ist noch nicht ganz fertig mit ihren Vorbereitungen, da hat es schon an der Tür geklopft und Maria hat Jesus hinein gebeten. Zu dumm, denkt Martha. Das Brot ist noch nicht fertig gebacken und die Küche ist noch nicht zu Ende gefegt. Was soll Jesus bloß von ihr denken? Sie muss das unbedingt erst noch erledigen. Und Maria setzt sich einfach zu Jesus hin. Das geht doch nicht! Was denkt die sich? Die müsste ihr doch helfen? Warum sagt Jesus das nicht zu Maria? Jesus spricht nun Martha tatsächlich an, aber anders als sie es gedacht hat. Jesus sagt, was Maria macht, ist richtig. Soll sich Martha etwa auch dazu setzten und ihre Arbeit unterbrechen? Ja, das soll sie. Man muss immer wieder darüber nachdenken, was im Augenblick das Richtige ist. Wer offen dafür ist, über sein Handeln nachzudenken und wer sieht, was gerade im Augenblick dran ist, der handelt „weise“. Weise ist es, sich Zeit zu nehmen. Zeit nehmen auch hin und wieder für Gott. Zwischendurch die Arbeit, oder was auch immer wieder gerade machen, unterbrechen, z. B. um zu beten. Das kann sehr helfen und oft können wir hinterher auch wieder klarer sehen und unsere Tätigkeiten vielleicht sogar mit noch mehr Schwung durchführen. Die Frauen aus Guayana laden uns ein, nachzudenken, hin und wieder eine Pause zu machen und zu überlegen, worauf es ankommt im Leben, was wichtig ist. Sie wünschen uns, dass wir weise sein können, wie Hiob, der nie aufhörte an Gottes Weisheit zu glauben. Sie wünschen uns, dass wir weise sein können, wie Maria, die sich Zeit nimmt, auf Jesu Wort zu hören. Sie wünschen uns, dass wir weise sein können, wie Martha, die spürt, dass auch sie angenommen ist. Die Frauen aus Guyana wünschen sich Weisheit in der Welt und Weisheit für ihr Land. Dass nicht alle klugen Köpfe ihre Weisheit außer Landes tragen, um woanders ihr Glück zu finden, sondern dass sie ihre Weisheit zum Wohle Guayanas einbringen. Dass sie lernen ihre verschiedenen Kulturen zu achten und vor allem den Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern zu ihren Rechten verhelfen. Dass die Regierung in Weisheit für Frieden im Land sorgt, damit es nicht häufiger zu solch schlimmen Massakern kommt, wie unlängst der Presse zu entnehmen war. Im Küstendorf Lusignan 10 Kilometer östlich von Georgetown wurden Ende Januar 11 Menschen getötet. Im Februar überfielen Bewaffnete eine Polizeistation und erschossen 3 Polizisten und 9 Zivilpersonen. Es kann sein, dass beide Überfälle von derselben Verbrecherbande verübt wurden. Der mutmaßliche Bandenführer droht mit weiteren Gewalttaten. Wo ist da die Weisheit, die die Frauen aus Guayana uns nachbringen möchten? Angesichts solcher Gräueltaten ist es besonders wichtig, dass wir im Gebet miteinander verbunden sind und unsere guten Gedanken heute nach Guayana schicken. Möge Gottes Weisheit uns allen neues Verstehen und neue Liebe schenken. Möge Gottes Weisheit uns immer daran erinnern, dass wir alle kostbar und wertvoll sind, seine wunderbaren Geschöpfe. Amen. |
|
Gottesdienste | Predigt-Archiv | Kirche Kunterbunt | Kindergottesdienst | Musik in der Kirche | Das Gebäude
