Liebe Gemeinde,
kennen Sie diesen zugegebenermaßen etwas flapsigen aber dennoch sehr treffenden Ausspruch: Das Leben ist wie eine Ketchupflasche erst kommt nichts und dann alles' ? Wer sich schon einmal aus einer solchen Flasche bedient hat, kennt das. Man schüttelt, man klopft nichts. Und dann auf einmal die halbe Flasche quer über den Teller. Klasse.
Dieses Wort nimmt diese alltägliche Erfahrung auf und sieht darin ein echtes Spiegelbild des Lebens verborgen. Und wenn wir ehrlich sind, ist es schon häufig so. Da plätschert das Leben vor sich hin und wenn dann mal etwas passiert, dann so richtig und alles auf ein Mal. Ob nun im Guten oder oftmals leider auch im Schlechten. Und da man früher schon immer sagte, dass ein Unglück selten alleine käme, gab es diese Lebenserfahrung offenbar schon bevor jemand sich an die Erfindung der Ketchupflasche machte.
Wie dem auch sei. Das Problem ist es ja oft, mit solchen Situationen, wo wieder einmal alles auf einmal kommt, umzugehen. Ruhe bewahren wäre nicht das Schlechteste. Aber wer kann das schon in einer solchen angespannten Situation. Was also ist zu tun?
Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so offensichtlich ist, so halte ich doch unser heutiges Bibelwort für eine ebensolche Geschichte. Von ihr können wir lernen, was zu tun ist, wenn mal wieder alles auf einmal kommt.
Ich erinnere noch einmal an die Worte aus Lukas 17, die wir eben in der Lesung gehört haben.
11 Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. 15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
© Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Deutsche Bibelgesellschaft Stattgart
Zehn Aussätzige Menschen, die oftmals nicht mehr viel erwarteten. Denn aussätzig zu sein, dass bedeutete ausgeschlossen zu sein. Kein Kontakt zur Familie, zu Freunden oder zur Dorfgemeinschaft. Kein normales Arbeitsleben, keine Gespräche abends auf dem Dorfplatz, kein Einkaufen, kein Plaudern, keine Menschen treffen, Geschichten erzählen, Geschichten hören. Kein Anteilnehmen und kein Anteilgeben. Keine Gottesdienstbesuche. Keine menschliche Nähe, keine tröstenden Worte, keine helfende Hand. Kein gemeinsames Lachen, kein gemeinsames Weinen.
Die einzigen Kontaktaufnahmen bestanden in den Dingen und Lebensmitteln, die die Dorfbewohner draußen hinlegten und die einem jedes Mal wieder diese unbeschreibliche Abhängigkeit vor Augen führte, aus der es kein Entrinnen gab. Sinnlos. Aussichtslos. Hoffnungslos.
Und überall diese Angst der anderen, diese Angst, sich anzustecken. Diese Angst. die alles beherrscht und die zu diesen drastischen Maßnahmen führte.
Aussätzig sein das bedeutete auf sich alleine gestellt zu sein, ohne Gemeinschaft mit anderen. Ohne wenn und aber auf sich geworfen zu sein. In seinen eigenen Möglichkeiten verhaftet und gefangen. Alles endete dort, wo das Leben der anderen begann. Draußen leben und draußen sein. In selbstgebauten Hütten oder Erdlöchern. Für Menschen, die aus den Verheißungen der Hebräischen Bibel, unserem Alten Testament, lebten, gehörte die Gemeinschaft miteinander und mit Gott aber zum Lebensnotwendigen. Für sie war diese Situation noch drastischer als wir sie empfinden. Das war nicht nur trostlos. Sie waren quasi tot mitten im Leben.
Was blieb, waren die anderen Kranken eine Leidensgemeinschaft der besonderen Art. Es gab nur einen Ausweg zurück ins Leben, nur einen einzigen möglichen und denkbaren Weg: die Heilung. Ohne sie keine Perspektive, kein Leben. Aber würde sie kommen? Würde kommen, was alles auf den Kopf stellte? Würden sie erfahren, was in unser Wort von der Ketschupflasche Eingang gefunden hat: das manchmal doch alles auf einmal kommt? Jede Gelegenheit musste beim Schopfe gefasst werden. Und der Besuch Jesu in dem Dorf, in das sie nicht mehr durften, kam da wie gerufen. Warum nicht alles wagen? Warum nicht alle Hoffnung auf ihn setzen? Warum nicht auf ihn bauen?
Und sie trauten ihm, sie vertrauten ihm, alle. Und so kommen sie auch alle zu ihm jedenfalls bis auf Rufweite kamen sie heran. Weiter durften sie nicht, auf keinen Fall, das hatten sie gelernt. Und da riefen sie gemeinsam. Miteinander verbunden durch diesen kleinen Hoffnungsschimmer, dass es nur besser werden könnte.
Lukas erzählt nur mit wenigen Worten von der Reaktion Jesu. Er sah sie und forderte sie auf, sich den Priestern zu zeigen. Das musste man nach den Geboten, denn nur die Priester durften feststellen, ob es zu einer Heilung gekommen war und eine Rückkehr in die Gemeinschaft wieder möglich war.
Bisher wohl bemerkt ist noch gar nichts geschehen. Sie sind alle noch krank als sie sich umdrehten und sich auf den Weg machten zum Tempel und zum Priester. Zu diesen Orten, die für sie lange Zeit verbotene Plätze waren. Ihr Vertrauen und ihre Hoffnung ließ sie gehen. Und wahrscheinlich bei jedem Schritt an sich und den anderen herunter sehen: sieht man etwas, spürt man etwas, ändert sich etwas? Vielleicht hat sie der Gedanke auf eine mögliche Besserung auch immer schneller werden lassen von der Vorfreude und der Hoffnung auf das Unglaubliche getrieben.
Und mitten auf dem Weg geschieht, was vielleicht bis vor kurzem keiner von ihnen für möglich gehalten hat: der Aussatz verschwindet. Langsam beginnen sie zu begreifen und zu verstehen, langsam steigt in ihnen hoch, dass das Leben wieder zum Greifen nahe ist. Unfassbar. Unglaublich.
Und da ist es plötzlich dieses Gefühl, das alles anders ist von einem Moment auf den anderen.
Wem sollen sie es am ersten erzählen? Wen werden sie zuerst aufsuchen? Wen zuerst nach all der langen Zeit wieder in die Arme nehmen? Wem das Herz ausschütten und davon erzählen, was alles von ihnen abgefallen ist?
Eine unbeschreibliche Situation, ein Wechselbad der Gefühle, das kaum zu überbieten ist. Die Gedanken springen nur so, die Einfälle und Hoffnungen sprudeln nur so, die Gefühle schlagen einen Purzelbaum nach dem anderen.
Wieder leben können unfassbar!
Hoffnungsbilder sprühen nur so vor sich hin, die Welt bekommt wieder Farbe, Träume haben wieder Raum, Kraft und Mut wachsen einem zu und das Glück liegt offen in der Hand.
Jetzt ist tatsächlich alles auf einmal gekommen wie bei einer Ketchupflasche. Aber was ist zu tun?
Mitten drin in dieser Gruppe der Zehn dieser Eine, der an sich heruntersieht, langsam begreift, und sich auf dem Absatz umdreht und kehrt macht. Er geht, wahrscheinlich läuft er den Weg zurück. Denselben Weg, den er eben noch als hoffnungsloser Fall in aller Einsamkeit gegangen ist, läuft er nun zurück mit einer unbeschreiblichen Hoffnung und einem kaum zu fassenden Glück im Bauch.
Er muss zurück, muss zum Ausgangspunkt dieses Tages zurück, an dem plötzlich nichts mehr so ist, wie es einmal war. Er muss zurück, auf den alten Wegen und doch als neuer Mensch. Wie neugeboren läuft er über die staubigen Wege. Denn er spürt, dass er gerade etwas geschenkt bekommen hat, das man kaum in Worte fassen kann. Ihm bleibt Danke' zu sagen. Und das will er nun auch tun. In aller Deutlichkeit. Vor aller Augen und Ohren. Aber vor allem vor demjenigen, der ihm dieses Leben, diese Chance, diesen neuen und nicht mehr für möglich gehaltenen Weg aufgeschlossen hat.
Schon auf dem Weg lobt er lauthals Gott. Er kann nicht anders, er muss es tun. Muss herausrufen, was er mit seinem Herzen gesehen, gespürt und begriffen hat: hier hat Gott selbst, der Schöpfer allen Lebens, geholfen und sein Leben ganz neu auf den Weg gebracht.
Das werden die anderen übrigens auch getan haben. Auch wenn unsere Geschichte uns nicht mehr auf ihrem Weg mitnimmt, so werden sie doch zum Tempel und zum Priester gegangen sein. Und dort war mit Sicherheit auch die Möglichkeit des Dankens. Die biblischen Gebote sehen es so vor. Also dadurch unterscheiden sie sich nicht von dem einen, der alleine in die andere Richtung unterwegs ist.
Aber dieser will unbedingt zu Jesus kommen, will ihm persönlich danken, weil er gespürt hat, wie nahe Gott ihm in der Begegnung mit Jesus geworden ist. Und so kommt er, wirft sich nieder und lobt und dankt.
Aber Jesus ist enttäuscht. Nicht über diesen Einen natürlich. Aber über die anderen Neun. Sie sind nicht mehr gekommen, sie habend den Weg zurück nicht mehr gefunden. Sie sind wahrscheinlich zu sehr beschäftigt mit allem, was so auf sie hereinstürzt.
Aber dieser Eine ist da.
Dein Glaube hat dir geholfen ', sagt Jesus noch zu ihm, bevor Lukas ihn wieder weiterziehen lässt.
Dein Glaube hat dir geholfen ' denn er hat dich sehen und spüren lassen, was man von Gott geschenkt bekommt. Denn er hat dich sehen und spüren lassen, dass man sich vieles im Leben eben nicht kaufen, eben nicht erarbeiten, eben nicht verdienen kann.
Manchmal muss man die Hände aufhalten. Einfach aufhalten und sich beschenken lassen. Danke Gott für all das.
Dieser Eine, der noch völlig außer Atem da im Staub der Strasse liegt, dieser Eine, der immer noch nicht fassen kann, was eigentlich geschehen ist, dieser Eine, dessen Stimme sich in der ganzen Aufregung vielleicht überschlägt, dieser eine da möchte uns Mut machen, hinzusehen, hinzuhören und hinzuspüren, was alles andere als selbstverständlich ist auch in unserem Leben. An jedem Tag.
Auch wenn es in unserem Leben oft nur die kleinen und auf den ersten Blick so unscheinbaren Dinge sind und nicht gleich alles auf den Kopf gestellt wird: es gibt viel zu danken für so unendlich viel, was eben alles andere als selbstverständlich ist.
Und wenn wir uns Mut machen lassen von diesem Einen, dann heißt es ja noch nicht, dass auch für uns alles Dunkle und Beängstigende sofort aus unserem Leben verschwindet. Es heißt eben nicht, dass alle nur erdenklichen Krankheiten auch bei uns spätestens Morgen geheilt sind.
Es geht um diesen Glauben, diese Hoffnung, dieses Leben, dass sich geborgen weiß in Gott. Dass man sich voller Vertrauen in seine Hände fallen lassen kann. Das er uns beschenkt, Tag für Tag. Und dass er uns tragen wird durch alles hindurch, was auch immer kommen mag.
Auch wenn so manche und so mancher von uns vielleicht auch auf ein solches Wunder wartet wie die Zehn damals und es sich einfach nicht einstellen will. Auch dann möchte uns dieser Eine ermutigen. Sieh hin und spüre wie nahe Gott dir sein will und wie nahe er dir ist. Vertraue ihm und mache die Erfahrung, dass dieser Glaube und diese Hoffnung dir Angst nehmen können.
Dein Glaube hat dir geholfen ' das muss man sozusagen ausprobieren. Darüber lässt sich kaum streiten, dass lässt sich kaum diskutieren. Hier muss man ausprobieren, wagen und vertrauen. An Gott zu glauben heißt eben auch, sich fallen lassen zu können.
Dieser Eine kann uns genau dazu ermutigen.
Dieser Eine, kann uns mitnehmen auf seinem Weg.
Dieser eine kann mit uns nach links, nach rechts und genau vor unsere Füße sehen.
Dieser eine kann mit uns spüren, wie nahe Gott ist.
Dieser eine kann uns mitnehmen in diese Freude, die einen ganz neu anfangen lassen kann.
Dieser eine kann uns darin bestärken, Gott an unserer Seite wissen zu können.
Dieser eine kann uns die Worte Jesu weitergeben und zusprechen:
Auch dein Glaube kann dir helfen ' auch wenn mal wieder alles auf einmal kommt, wie bei einer Ketchupflasche.
Das in unserer Gemeinde oder sonst wo auf dieser Welt miteinander und untereinander erleben zu können, das wünsche ich uns allen. Wo wir auch immer hingehen, was uns auch immer widerfahren wird, was auch immer ist: dieser Gott wird tragen.
Gott sei Dank. |