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  Heisinger Predigten

Predigt über Lukas 5,1-11

Pfarrer Herrmann

gehalten am 8. Juli 2007

   
 

Ich glaube nicht“, liebe Gemeinde, „für mich zählen nur Fakten“ – ein Satz, der in keinem Krimi fehlen darf. Meistens vom nachdenklichen Ermittler ausgesprochen, bei dem man sowieso das Gefühl hat, dass er es über kurz oder lang schon richten wird. Oft als Antwort auf die Frage, was er denn hinsichtlich der Lösung des Falles glaube. Nein, für den Glauben ist in einer Ermittlung weder Ort noch Stunde. Schließlich geht es darum, Spuren des Täters in der Wirklichkeit aufzuspüren und richtig zu deuten. Da braucht es moderne Technik, ausgeklügelte Testverfahren und eine unbestechliche Menschenkenntnis und Erfahrung der Ermittler, aber – um Himmels willen – keinen Glauben, keine Gefühlsduselei oder gar persönliche Einschätzungen, quasi aus dem Bauch heraus. Um zum Ziel zu kommen, muss man schon hier sehr fein unterscheiden – man kann offenbar von der Wirklichkeit, von der Welt um uns herum und von den Dingen, die geschehen, nicht mehr erwarten. Das Schlimmste scheint es, hoffnungsvoll in die Welt herum Dinge hinein zu dichten. Die Wahrheit, so scheint es, bleibt jedenfalls auf der Strecke.
Ich möchte weder Ihnen noch mir den nächsten Fernsehkrimi oder den obligatorischen Krimi auf dem Nachtisch madig machen. Aber es scheint, als wären die wahre Welt und damit auch die der Krimis und die Welt des Glaubens und der Hoffnung zwei verschiedene Dinge, die man schön auseinander halten muss, wenn man nicht auf einen falschen Weg, wenn nicht gar in einer Sackgasse landen will.
Also lieber Fakten zählen, zusammenrechnen und sortieren, statt zu glauben, zu vertrauen, zu hoffen?
Muss man sich entscheiden zwischen der Welt, die uns vor Augen ist und dem, was Christinnen und Christen hoffnungsvoll Gottes Welt nennen?
Ein Dilemma, offenbar und offensichtlich. Was ist zu tun? Vielleicht gemeinsam fischen gehen. Denn davon handelt unser Evangelium für diesen Sonntag. Und es erzählt, dass sich beim Fischen mitten in dieser Welt Dinge ereignen können, die selbst für die beste Spurensicherung schwerlich zu benennen sind.
Ich lese aus dem 5. Kapitel bei Lukas, die Verse 1 bis 11:
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

© Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart

Gegen allen Augenschein, gegen alle Erfahrung, gegen alle sachlichen Argumente Fischen gehen und mitten in der Welt die Welt mit neuen Augen sehen – und glauben lernen.
Es ist schon eine wunderbare Geschichte, die uns Lukas hier erzählt. Eine wunderbare Geschichte, weil sie zwei Dinge zusammenhält, die wir so gerne auseinander nehmen: diese Welt und den Glauben an Gott und seine Möglichkeiten. Also: Am besten und sofort alle miteinander raus an den Baldeneysee, die Angeln, Netzte oder was auch immer ausgeworfen und hoffen? Abgesehen vom zu erwartenden Ärger mit dem Fischereiverein, sollten wir noch einen Moment inne halten und unser Evangelium erzählen lassen.
Denn es beginnt wie sooft in den Geschichten um Jesus: er kommt und die Menschen strömen. So, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Es braucht auch gar keine weitere Erläuterung oder Erklärung, er kommt und die Menschen strömen. Es scheint außer Frage zu sein, dass es sich lohnen wird, dass es bedeutsam ist, diesem Menschen zuzuhören, ihn zu erleben, und zu spüren, dass in seiner Gegenwart auch Gott ganz nahe ist. Unbeschreiblich. Mitten in der Welt, an einem ganz normalen Ufer eines Sees in Israel.
Und schon zu Beginn scheint unsere Geschichte die Wirklichkeit und Normalität einzuholen: es sind zu viele gekommen, ein großer Teil kann Jesus weder hören noch sehen. Aber die Lösung ist vor Augen: müde und von der Arbeit in der Nacht erschöpfte Fischer säubern ihre Netze. Sie haben eigentlich keine Zeit, sich besonders um einen Wanderprediger zu kümmern. Die Nacht war erfolglos, die Müdigkeit und Erschöpfung kriecht langsam aber sicher in alle Glieder. Jetzt noch schnell die Netzte und dann nach Hause, vielleicht etwas ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Und bei alledem immer rechnen und überlegen, wie man den entgangenen Fang und die ausgebliebenen Einnahmen wieder wettmachen kann, damit die Familie auch morgen noch genug zum Leben hat. Alltäglichkeit, in der kaum Zeit ist für bunte Geschichten aus einer anderen Welt.
Aber Jesus geht auf sie zu, spricht sie an und bittet sie, mit ihm in einem Boot etwas auf den See heraus zu fahren, damit ihn möglichst alle sehen und hören können. Ob der Bootsbesitzer, Simon Petrus, murrte, wissen wir nicht. Lukas erzählt nichts von alledem. Auch erfahren wir nicht, was Jesus den Menschen erzählt hat. Es scheint so gewesen zu sein wie immer: er erzählt und die Menschen gehen gestärkt, ermutigt und hoffnungsvoll dorthin zurück, wo sie leben.
So als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, ereilt sie offenbar mitten in der Welt eine Hoffnung, die alles mit anderen Augen sehen lässt.
So auch bei Simon und seinen Fischer-Kollegen. Hier allerdings bedarf es einer kleinen Diskussion. Jesus bittet ihn, noch einmal heraus zu fahren und die Netze noch einmal auszuwerfen.
Das Kopfschütteln des Simon und seinen Kollegen spürt man, finde ich, bis heute. Dieses Kopfschütteln und leicht ironische Erwidern: Es gibt nichts, was dafür spräche, was diese Aktion auch nur ansatzweise sinnvoll erscheinen ließe. Am hellerlichten Tage, bei der größten Mittagshitze, ausgerechnet noch da, wo es am tiefsten ist – und das nach einer so erfolglosen Nacht. Unfassbar – diese Städter, diese Besserwisser, diese Leute, die Verrücktes tun, die die Dinge nicht so sehen wollen wie sie nun einmal sind. Unglaublich dieser Mensch, der in dieser völlig sinnlos erscheinenden Situation das Unmögliche wahr werden lassen will. Also, bitte. Wenn du es sagst. – Wir werden ja sehen.
Oh, ja, sie sahen tatsächlich. Sie sahen und konnten ihren Augen nicht trauen. Der wohl größte Fang ihres Lebens. Gegen jeden Augenschein, gegen jede Erfahrung, gegen jedes sachliche Argument, gegen alle Alltäglichkeit geschieht das unmöglich Geglaubte.
Sie müssen zusehen, dass die Netzte nicht reißen, sie müssen alle mit anfassen, sonst geht das nicht gut aus. Sie können diesen unglaublichen Schatz nur heben, wenn sie alle am Netz ziehen, wenn sie alle tun, was sie können, wenn sie alle ihre Kraft zusammennehmen.
Und dann sind die Boote voll. Sogar so voll, dass es zu einer schwierigen Sache wird, den Rücktransport halbwegs sicher zu bewerkstelligen.
Sie trauen ihren Augen kaum, sie trauen diesem Fang noch nicht so recht, sie trauen dem Ganzen noch nicht so recht, dass hier etwas geschehen ist, was eigentlich nicht hätte passieren können.
Und dann erzählt Lukas wohl die wichtigste Szene in unserem Bibelwort:
Das Ganze ist allen Beteiligten nicht geheuer. Weder Simon, noch seinen Fischer-Kollegen. Denn sie haben vor Augen, was – wie gesagt – nicht hätte passieren können. Und sie tun das, was das Menschlichste ist, was sie tun können: sie bekommen es mit der Angst, ihnen fährt ein gewaltiger Schrecken in die Glieder. Simon versucht es gleich mit einem Bekenntnis: ich bin ein sündiger Mensch. Aber eigentlich will er sagen: das ist zu hoch für mich, das übersteigt das, was ich mir ausmalen kann, dass passt alles nicht in mein Weltbild, in meine Erfahrung, dass passt alles nicht.
Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.
Er kann nicht einordnen, was er sieht. Er findet keinen Platz dafür in seinem Leben. In seiner Alltäglichkeit ist kein Raum für nicht ausrechenbare Dinge, kein Platz für Möglichkeiten, die nicht die seinen sind, kein Platz für so etwas, was außerhalb seiner Vorstellungskraft liegt.
Doch Jesus nimmt ihn und die übrigen ernst. Er spürt diese Angst, diese Unsicherheit, diese Verunsicherung. Er nimmt sie ernst in ihrer Angst. Und er tut das, was er oft Menschen in seiner Nähe zugesprochen hat: Fürchte dich nicht!
Wenn es überhaupt ein Zauberwort des Evangeliums gibt, dann ist es dieses: Fürchte dich nicht. Damals bei Simon und den anderen ebenso wie heute bei uns.
Fürchte dich nicht.
Denn damit ist zweierlei ausgesprochen: Ungewohntes verunsichert uns, lässt uns wanken oder wirft uns gar von Zeit zu Zeit aus der Bahn, was auch immer: wir haben Angst und wir bekommen Angst. Jesus weiß darum und aus seinen Worten spüren und wissen wir, dass auch Gott darum weiß und ihm unsere Ängste nicht fremd sind. Und gleichzeitig möchte uns dieses ‚Fürchte dich nicht’ herausrufen, möchte uns herausholen aus dieser Angst, die lähmt und einschnürt, möchte uns befreien von alledem, damit wir die Augen offen und die Hände frei haben für das, was vor uns ist.
Gottes Nähe und seine Möglichkeiten in unserer Welt erfahren, in aller Alltäglichkeit, beim Fischen oder sonst wo.
Also doch: ab in eine Wunschwelt, damit wir diese, in der wir bis zum Halse stecken, vergessen machen? Also doch von der einen Welt in die andere? Also doch wählen müssen? Eben nicht, denn dieses ‚Fürchte dich nicht’ hält diese beiden Sichtweisen zusammen. Es weiß um unsere Angst und lädt trotzdem ein zum Vertrauen auf Gott und seine Möglichkeiten mitten in meinem Leben mitten in den Problemen, die schon Morgen früh wieder auf mich warten, mitten in all dem Stress, der mich kaum noch geradeaus sehen lässt, mitten in allem, was mir das Herz zuschnürt, mir den Blick vernebelt und die Kräfte und den Mut raubt.
So wie bei den Fischern, bei denen die Müdigkeit mehr war als bloße Folge einer schweren körperlichen Arbeit. Es war die Enttäuschung über den entgangenen Fang, der aus der Müdigkeit Erschöpfung werden ließ. Und gerade sie treffen Gottes Möglichkeiten, gerade sie erleben das nicht für Möglich Geglaubte, gerade sie bekommen angesichts dessen, was möglich ist, Angst, gerade ihnen gilt das ‚fürchte dich nicht’.
Und sie lassen sich befreien von der Angst. Mit Sicherheit zuerst noch etwas zittrig und wackelig in den Knien und doch einen Schritt weiter als eben noch.
Weitererzählen wollen und sollen sie das, was sie erlebet haben. Unter die Menschen tragen, was Gott ihnen hat zuwachsen lassen. Und sie gehen los, trauen dem Ruf Jesu. In seiner Nähe wollen sie bleiben und machen sich mit ihm auf den Weg.
Unser Bibelwort lädt uns ein, von dieser Welt, von unserem Leben, vom morgigen Tag mehr zu erwarten, als das, was uns vor Augen ist. Und gerade so beginnen zu glauben. Zu vertrauen in die Möglichkeiten Gottes, die mehr sein lassen können, als wir erwarten.
Ich wünsche uns, dass wir es wie die Fischer und die Menschen damals am Seeufer erleben, dass mit den Augen Gottes betrachtet die Welt um uns herum ein anderes Gesicht bekommt. Und, was auch immer geschehen mag, immer jemand um uns ist, der, wenn es Zeit ist, uns erinnert an das im wahrsten Sinne des Wortes evangelische Wort unserer Erzählung: Fürchte dich nicht.
Und dass wir uns gemeinsam neu auf den Weg machen können, sicherlich tastend, Schritt für Schritt, aber vertrauensvoll und in jedem Fall getragen und bewahrt.
Ich wünschen uns, dass wir dieses ‚Fürchte dich nicht’ erleben und spüren, wie Angst von uns abfallen kann und die Hoffnung beginnt zu wachsen. Mitten in dieser Welt und mitten in unserem Leben.
Gott sei es gedankt.

Amen

   

 

 

 

 

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